Als hätte der Mann nicht schon Probleme genug. Christian Wulff, unser Bundespräsident, erhält ein unmoralisches Angebot von Charlotte Roche, wenn er das Gesetzt zur Laufzeitverlängerung der AKWs in Deutschland nicht unterschreibt. Über die medialen Hintergründe der Provokation von Charlotte Roche wird jetzt natürlich viel diskutiert:”Bringt die wieder ein neues Buch raus?”, “Schau doch mal in den Spiegel!”, “Herrlich”. Zumindest ragt so ein Mem schon mal deutlich raus. Und mal ehrlich, frech und lustig ist es obendrein.
Warum ist aber ausgerechnet unser Bundespräsident Ziel einer solchen Provokation? Hätte das jemand mit von Weizäcker, Herzog oder Köhler gewagt? Wäre das dann überhaupt frech und lustig gewesen? Nein. Vielmehr ist Christian Wulff - nicht nur für Kabarettisten – häufig Ziel respektloser Witzchen. “Mit dem Wulff kann man’s halt machen!” Und das hat einen Grund:
Anders als bei seinen Vorgängern ist Christian Wulff als Marke installiert, ohne echten Markenkern. Das muss nicht zwangsläufig ein politische Programm sein. Christian Wulff ist mit Sicherheit ein interessanter, intelligenter Mensch, der als Ministerpräsident in Niedersachsen eine ganz gute Figur abgegeben hat. Und vermutlich hat er sogar eine politische Idee. Warum aber sehen wir nichts davon? Mit seinen Äußerungen zur unsäglichen Integrationsdebatte hat er ja gezeigt, dass er einen Standpunkt hat, der sich von Tages- und Parteipolitik löst und für alle Deutsche relevant ist.
So lange es sich aber bei Christian Wulff um eine Marke handelt und nicht um einen Bundespräsidenten mit Profil und einem echten Kern, wird man’s mit ihm machen können – frech und lustig.
Das ist der Werbe-Aufreger der Woche: Jung von Matt lässt für Sixt Demonstranten mit Werbeplakaten und Flugblättern auf der Anit-Castor-Demo antreten und spaltet damit die Werbelandschaft. “Frech”, “gewagt” und “intelligent” twittern die Befürworter der Guerilla-Kampagne, “peinlich”, “obszön” und “voll daneben” wettern die Gegner. Zu diesem PR-Stunt kann sich wirklich jeder eine Meinung bilden. Schauen wir mal:
Irgendwie scheint die Nummer Teil der Kampagnen-Strategie “Wir gehen mit schnellen Werbe-Aktionen auf das aktuelle Zeitgeschehen ein – schnell, nah dran, intelligent und frech”. Wir erinnern uns an das Motiv in dem Angela Merkel mit windzerzaustem Haar die Cabrio-Saison eröffnet oder (mein Favorit) Ursula von der Leyen, die kurzzeitig als Bundespräsidentin gehandelt wurde. Frechheit siegt! Gehen wir zudem mal davon aus, dass sich Jung von Matt den öffentlichen Diskurs mit in die Media-Coverage-Rechnung (so mit Tagesschau und allem Zipp und Zapp) genommen hat, könnte die Kampagne ja eigentlich wirklich gut funktioniert.
Tut sie aber nicht. Schnell ist sie zwar, nah dran auch und mit ein bisschen Wohlwollen ist die Idee auch intelligent. Das mit der Frechheit geht aber völlig daneben. Was als Satire intendiert ist, mutiert zur Häme – Zynismus ersetzt das Zwinkern im Auge. Statt Scherze auf Kosten der Obrigkeit, macht sich die Kampagne über die Leute lustig. Das ist arrogant und überheblich und wird (bei aller medialen Reichweite) nicht dazu führen, dass die Marke Sixt mit den gewünschten Werten aufgeladen wird – ganz im Gegenteil.
Schade eigentlich.