Es gibt wohl keine Tugend, die so sehr den allgemeinen Wertekanon der meisten zivilisierten Gesellschaften anführt wie die Friedfertigkeit. Ebenso wie der Mildtätige ist der auf Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Interessen Verzichtende allen Menschen ein Vorbild und wird – vor allem dann, wenn die Friedfertigkeit an gar nicht so friedlichen Zeitgenossen scheitert – mitunter mit Selig- oder Heiligsprechung (oft posthum) geehrt.
Und auch die ökonomische Gesellschaft hat sich – mit Ausnahme einiger Staaten – darauf geeinigt, von direkter Gewalt zur Erreichung wirtschaftlicher Ziele abzusehen. So zieht wohl kein Unternehmer mehr beherzt den Degen, um seinen Konkurrenten im Morgengrauen dessen Chancenlosigkeit bei der öffentlichen Ausschreibung des Fürsten klar zu machen. Wettbewerbs- und Strafrecht liegen heutzutage glücklicherweise weit auseinander.
Oder etwa nicht? Welche Rolle spielt Gewalt in unserer täglichen Marketing-Realität? Wie sehr werden wir von Gewalt beeinflusst oder üben selbst Gewalt aus?
Gewalt in der Werbung
Über die Allgegenwart von Gewalt in den Medien, allen voran im Fernsehen, ist allenthalben viel zu lesen. Die Werbung macht natürlich gerne einen Bogen um allzu viel Gewalt und mit Ausnahme einiger Ausrutscher hatte der Werberat in Deutschland in dieser Beziehung im letzten Jahr recht wenig zu tun. Das soll aber nicht mein Thema hier sein. Wen’s interessiert: hier ein schöner Artikel dazu.
Gewalt in der Sprache
Viel deutlicher tritt die Gewalt aber in unserer Sprache zutage, die wir im gemeinsamen Arbeiten verwenden. Wer von Euch in der Industrie wirkt oder Einblicke hat, wird Begriffe wie “Grabenkriege”, “Nebenkriegsschauplätze” kennen. In Beratungen werden “Truppen” zusammengezogen, überflüssige Mitarbeiter “exekutiert” oder schlicht “entsorgt”.
Ich bin beim besten Willen kein Verfechter der Gender-Mainstreaming-Political-Correctness-Weichwasch-Sprache, die wirklich nur nervt. Aber. Die Sprache in Unternehmen und Marketing verroht zusehends. Der Ton im Umgang mit Kollegen, Kunden und Dienstleistern wird härter und mit ihm auch der Umgang selbst.
Im Talmud gibt es dazu ein interessantes Zitat, das das meines Erachtens sehr treffend erfasst:
Achte auf Deine Gedanken, denn es werden Worte,
achte auf Deine Worte, denn es werden Taten,
achte auf Deine Taten, denn es werden Gewohnheiten,
achte auf Deine Gewohnheiten, denn es wird Dein Charakter,
achte auf Deinen Charakter,
denn es wird Dein Schicksal…
Kein Kunde hat Lust, sich mit einem Dienstleister zu beschäftigen, dessen Mitarbeiter “entsorgt” werden. Keine Agentur bekommt gerne den “Marsch geblasen”. Die Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit besteht aus einem wesentlich freundlicheren Duktus. Das hat nichts mit Friede, Freude, Eierkuchen zu tun, sondern schlicht mit guten Umgangsformen.
Aufgabe einer bewussten Gestaltung einer Unternehmenskultur ist daher das “Formen der Formen” des Umgangs. Dabei geht es nicht um “Brainwash” oder “Gleichschaltung”. Und es ist wirklich kontraproduktiv, eine Corporate Speech im Unternehmen “durchzusetzen”. Vielmehr es geht darum, dass man unter Kollegen, mit Kunden und Lieferanten eine positiv geprägte, freundliche Form der Kommunikation wählt, die einbindet statt abgrenzt.
Gute Umgangsformen bringen dann zwangsläufig auch gutes Karma.